Beschreibung der Pfarrkirche Sankt Cyriakus

 

Zur Geschichte

Grimlinghausen geht auf eine seit dem hohen Mittelalter belegte Ansiedlung an der Mündung der Erft in den Rhein zurück. Ausgehend von einer Kapelle rechts der Erft wurde im 15. Jahrhundert eine Kirche St. Cyriakus errichtet, die das Patrozinium von der gleichnamigen Pfarre des um 1400 im Rhein versunkenen Quinheim übernahm. Als 1861-63 eine neue neugotische Kirche erbaut wurde, hatte sich der Siedlungsschwerpunkt allerdings (bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts) verlagert –  die Kirche entstand nun rheinaufwärts unweit von Jagdschlösschen und Amtshaus der Herren von Jülich-Kleve-Berg; die Vorgängerkirche wurde anschließend abgebrochen. Nach Kriegszerstörung wurde 1955 ein Neubau unter Einbeziehung des alten Turms und des alten Chors von den ortsansässigen Architekten Rudolf Cornelius (1924-1994) und Philipp Schmitz errichtet.

 

Städtebau

Die Kirche St. Cyriakus liegt in einer engen dörflichen Bebauung. Westlich ist ihr ein schiefwinkliger Kirchplatz vorgelagert, der zugleich Mitte des Ortes ist; allerdings trennt die vorbeiführende Cyriakusstraße Platz und Kirche voneinander, so dass dieser Platz nicht voll als Kirchplatz, als der Kirche zugeordneter Vorplatz erlebt wird. Er wirkt vielmehr als den Geschäftslokalen zugeordnet, die der Kirche an der Cyriakusstraße gegenüber liegen und in deren weiterem Verlauf eine der Platzwände bilden. Die heterogene Mischung aus älterer und jüngerer Bebauung schafft trotz der erhaltenen Siedlungsstruktur nur bedingt einen eigenständigen dörflichen Charakter.

Nördlich der Kirche ist ein Innenhof gebildet, der vom Kirchenschiff und dem jüngeren Gemeindezentrum an den Langseiten und der Sakristei an der östlichen Schmalseite begrenzt wird. Die räumlichen Qualitäten dieses Hofes sind gut.

Die Kirche nimmt innerhalb der dörflichen Struktur eine hervorgehobene Stelle ein, besitzt allerdings eine durch die weitere Bebauung etwas geminderte Wirkung. Gerade in der Annäherung von Süden über die tangierende Cyriakusstraße erlebt man die Kirche eher als pragmatisch in die Bebauung eingewoben denn die Siedlungsstruktur krönendes Bauwerk.

 

Architektur – Gestaltung

Die vorhandenen Fragmente – Turm und Chor – wurden so in den Neubau integriert, dass im Außenbau der neue ziegelsichtige Baukörper bestimmend wurde. Hierzu ist der neugotische Turm im unteren Bereich mit neuem Mauerwerk umhüllt; das neue Portal des Turms wird mit einem hohen Bogen mit tiefer Laibung um- und überfangen.

Der dreischiffige schiefergedeckte Kirchenraum schließt östlich an den Turm an. Dem nördlichen Seitenschiff ist in der Flucht der (neuen) westlichen Fassade eine Vorhalle angegliedert, die von Nord, vom Innenhof erschlossen wird; das südliche Seitenschiff hingegen liegt zurück, so dass die Kirche von Westen einen asymmetrischen Eindruck vermittelt.

Das neue Kirchenschiff ist im Inneren unter einem großen Satteldach mit Holzdecke zusammengefasst, das durch schlanke hölzerne Vierlingsstützen mehr symbolisch denn räumlich in drei Schiffe unterteilt wird. Der Kirchenraum wirkt eher breit lagernd und wie eine Hallenkirche. Belichtet wird das Kirchenschiff über die Einzelfenster der Seitenschiffwände, die sich konisch nach oben erweitern und unter der Traufe enden.

Im Westen ist in das Kirchenschiff eine Orgelempore eingestellt, deren unterseitig gerippte Betonkonstruktion mit massiver Brüstung im Kirchenraum auf zwei konischen Betonstützen steht. Darunter führt ein Durchgang in das neogotisch gewölbte Erdgeschoss des Turms.

Der weiß verputzte Kirchenraum mit der dunkleren Holzdecke und den dunklen Holzstützen, dem Terrazzoboden in den Gängen und den Dolomitplatten unter den Bänken erfährt im Chor eine gewisse Zäsur. Der halboktogonale Raum mit Rippengewölbe und hohen schlanken Chorfenstern wirkt durch den leicht eingezogenen Triumphbogen als vom Kirchenschiff geschieden, die in den neuen Gemeinderaum hineinreichenden Chorstufen und besonders die Kommunionstufe versuchen allerdings eine Verklammerung der beiden Raumteile. Der grau gefasste Triumphbogen, der den Übergang zum Chor hervorhebt, wirkt allerdings auch ein wenig wie die Rahmung einer Bühne.

Das südliche Seitenschiff ist auf ein Tafelgemälde ‚Maria Hilf’ in neogotischer Einfassung ausgerichtet, während das nördliche Seitenschiff auf den Taufstein blickt. Dieser ist von einer bis unter die Traufe reichenden Verglasung mit großen Betonwaben herausgehoben und belichtet, zugleich aber vom benachbarten Zugang zur Sakristei bedrängt. ‚Tauffenster’ und Taufstein gehen jedoch keine richtige Verbindung ein, da der kleine Taufstein vor dem großen Fenster fast verschwindet.

Der Kirchenraum wirkt als angenehmer Einraum, der breit lagert und gut belichtet ist. Die schwache Lösung des Tauforts schmälern diesen guten Eindruck; auch ist trotz des Bemühens um eine Verzahnung von altem Chor und neuem Schiff eine Zäsur zwischen beiden Raumteilen vorhanden.

 

Architektur – Konstruktion, Material

Die Konstruktion ist mit wenigen Elementen gefügt. Die hölzernen Vierlingsstützen tragen über einem durch Beilaschungen geformten Kopf eine hölzerne Mittelpfette; diese unterstützt die gleichmäßig geneigte, satteldachförmige Unterdecke. Die Schlankheit der Stützen bewirkt dabei eine angemessene Balance zwischen der an den Vorgängerbau anknüpfenden Dreischiffigkeit und dem eher als ungeteilt wirkenden, breit lagernden Raum. Putz, Terrazzo- und Natursteinböden sowie die Betonwaben des ‚Tauffensters’ und die Betonkonstruktion der Empore ergänzen die Holzoberflächen. Dennoch stellt der Kirchenraum in Konstruktion und Material kein über den zeitgenössischen Durchschnitt herausragendes Beispiel dar.

 

Ausstattung

Der Altar besteht aus einer Mensa aus schwarzem Granit, die auf vier parallel gestellten hellen Tuffsteinsockeln mit motivischen Darstellungen der Evangelisten an der Stirnseite ruht. Er wird von zwei in die Stufenanlage vorgeschobenen Ambonen flankiert (Altar und Ambonen Theodor Bogler OSB, Maria Laach). Letztere bestehen ebenfalls aus hellem Tuff und zeigen an den Fronten Johannes den Täufer und Moses als Sinnbilder des Alten und Neuen Testaments. Der Tabernakel steht im hinteren Bereich des Chors; die Goldschmiedearbeit von Maria Schlicker (Köln 1963) ruht auf zwei Stelen. Der Chor wird an den Außenwänden von einem niedrigen Holzgestühl umstanden.

Der kelchförmige Taufstein aus Naturstein mit Kupferdeckel ist durch das großflächige, durch viele kleine Einzelgläser gebildete Betonwabenfenster betont (Entwurf Rudolf Cornelius). Weitere Ausstattung entstammt der Vorgängerkirche – so die Tafelgemälde im südlichen Seitenschiff und die Muttergottes auf einem Nebenaltar in der Vorhalle, die mit einigen älteren Bänken als Werktags- bzw. Anbetungskapelle dem stillen Gebet offen steht. Auch das Gabriel Grupello zugeschriebene, auf 1700/01 datierte Altarkreuz entstammt der Vorgängerkirche. An den Vierlingsstützen und an der östlichen Wand des Kirchenschiffs stehen auf Konsolen ältere, jedoch erst nach dem Wiederaufbau gestiftete Heiligenfiguren.

Auf der Orgelempore steht außermittig der geschlossene dreiteilige Prospekt, dessen Gehäuse sägezahnartig die Neigung der Unterdecke aufnimmt (Theo Strunk, Beuel-Ramersdorf 1958/ Romanus Seifert, Kevelaer 1968).

Die Ausstattung entfaltet in der Mischung aus älteren und jüngeren Stücken keine besonderen Qualitäten.

 

Nutzung und Liturgie

Der neogotische Chor wirkt wie ein Presbyterium, das durch die Stufen, vor allem aber durch die gestalterische Zäsur zwischen Alt und Neu vom Raum der Gemeinde abgerückt und geschieden wirkt. Statt einer Gemeinsamkeit von Zelebrant und Gemeinde ist hier – auch wenn mit dem vorgerückten Altar und den beiden Ambonen eine frühe nachkonziliare Ordnung angelegt ist – die tätige Teilhabe der Gemeinde eher erschwert. Die Gemeinde kann in dieser Aufstellung zwar relativ gut am Sakrament der Taufe teilhaben; eine kleinere Gemeinschaft, die nah den Taufstein umsteht, finden hingegen keinen bergenden Ort.

 

Bedeutung im Werk des Architekten

Die beiden Architekten Rudolf Cornelius (1924-1994) und Philipp Schmitz haben fast zeitgleich mit der Kirche St. Cyriakus, von 1954 bis 1958, zusammen mit dem Kölner Architekten Werner Ingendaay (*1923) die Kirche Heilige Familie in Dormagen-Horrem errichtet. Beide Kirchen sind trotz der zeitlichen Nähe unterschiedlich konzipiert – der breit lagernde, eher ruhige Raum mit dem Annex des neogotischen Chors von St. Cyriakus steht dem hohen Kirchenschiff mit niedrigem Seitenschiff und Vorbereich, mit Querschiff und unterschiedlichen Teilkonzepten innerhalb der Gesamtgestaltung von Heilige Familie gegenüber. Die Kirche St. Cyriakus wirkt hier etwas reifer, Heilige Familie hingegen ambitionierter, aber noch etwas unausgeformt.

Rudolf Cornelius hatte 1946-49 an der RWTH Aachen studiert und war 1950-53 beim Hochbauamt der Stadt Köln beschäftigt, eher er sich mit Philipp Schmitz selbständig machte. Die Bürogemeinschaft bestand aber offenbar nur kurz, ehe Schmitz gesundheitsbedingt die Architektentätigkeit einstellte (Briefwechsel zur Kirche Heilige Familie in Dormagen-Horrem, Akten des Historischen Archivs des Erzbistums Köln). 1954-1974/75 bestand die Bürogemeinschaft Cornelius + Ingendaay, die allerdings nachfolgend vor allem Restaurierungen älterer Kirchen durchführte (etwa St. Adelgundis in Leverkusen-Rheindorf, St. Michael in Großbüllesheim und St. Venantius in Röttgen). Die Erweiterung der Kirche St. Quirinus in Bonn-Dottendorf 1966-67 knüpft mit an dem dreiseitig gefassten Vorbereich noch an die Kirche Heilige Familie, ist ansonsten jedoch konzeptionell und räumlich bereits deutlich von St. Cyriakus und Heilige Familie geschieden.

 

Verfasser: Dr. Stephan Strauß, Mai 2006

 

 

Literatur:

Akte Historisches Archiv des Erzbistums Köln/ Registratur des Erzbistums Köln

Becker-Huberti, Manfred (Hg.): Neusser Kirchen. Köln 2006, insbes. S. 97-98

Faltblätter Kath. Kirchengemeinde St. Cyriakus Neuss-Grimlinghauser 2005: Ein kleiner

Rundgang in St. Cyriakus / Die Pfarrkirchen von Grimlinghausen von 1417 bis 1955

Frdl. Auskunft Architekturbüro Gereon Cornelius, Neuss